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Die Liebe, das Smartphone und wir

Immer öfter spielen Mobiltelefone eine Rolle in meiner Praxis. Denn bei allen Vorteilen, die sie zweifelsfrei bieten, sind sie auch Anlass für Konflikte. Sind Handys also schuld an Paarproblemen? Oder macht unser Umgang mit Handys bereits vorhandene Probleme nur offensichtlicher? - Überlegungen einer Paartherapeutin. 

Smartphone Liebe Partnerschaft Paartherapie Psychotherapie Felicitas Römer Hamburg Bergedorf

Um es gleich zu sagen: Ich finde diese Dinger toll. Mal schnell was googeln oder shoppen. E-Mails checken, mit Freund*innen WhatsApp- oder Signal-Messages schreiben. Den neuesten Threads der geschätzten Kolleg*innen folgen. Was posten, liken, kommentieren. Fotos und Selfies machen, netflixen, Podcasts hören und E-Books lesen. Wow, und das alles mit nur einem kleinen Apparat! Das Smartphone ist ein handliches und hilfreiches Multitalent. Wie konnten wir es nur so lange ohne diese Wundermaschinen aushalten? Und welchen Einfluss hat es auf unser Leben, unsere Beziehungen?

 

Natürlich verändert die zunehmende Digitalisierung unseren Alltag. Und klar ist es unsere Aufgabe, mit diesen Veränderungen einen bewussten Umgang zu finden, der zu uns und unseren Beziehungen passt. Folgende Problemfelder tun sich meiner Beobachtung zufolge auf:

 

1. „Du glotzt ja nur noch auf dein Handy!“ - Das Smartphone bindet Zeit und Aufmerksamkeit

Sätze wie: „Meine Partnerin spielt lieber Candy Crush, als sich abends mit mir zu unterhalten“ oder „Er legt das Handy nie weg, und hört nur mit einem Ohr zu, wenn ich ihm was erzähle“, habe ich nun schon relativ häufig gehört. Wie einfach zu erkennen ist, geht es hier um die Themen „Aufmerksamkeit“ und „Interesse“. Hier wäre nun zu klären, was der Hintergrund dieser Problemlage ist:

  • Was ist möglicherweise schöner am Zocken als an einer Unterhaltung mit meinem Partner/meiner Partnerin?
  • Wie sind wir sonst in Kontakt miteinander?
  • Habe ich mein Bedürfnis nach ungeteilter Aufmerksamkeit freundlich und offen kommuniziert? etc.

Das Handy bietet so viele Ablenkungsmöglichkeiten, dass wir uns mit seiner Hilfe unangenehmen oder anstrengenden Situationen schnell entziehen können. Manchmal ist es Unachtsamkeit, die uns dazu verleitet, auf dem Smartphone herum zu daddeln und den Liebsten/die Liebste gar nicht richtig wahrzunehmen. Und genau diese Unachtsamkeit kann für den Anderen verletzend sein.

Helfen könnten möglicherweise klare Absprachen, wann Handys stumm geschaltet und weggelegt werden.

 

2. „Warum hast du nicht geantwortet?“ - Die technischen Möglichkeiten führen zu höheren Erwartungen

WhatsApp und Co erhöhen unser Tempo. Kaum was eingetippt, schon warten wir auf Antwort. Grübeln, wenn sie nicht kommt. Sind vielleicht verunsichert. Später kommen dann Vorwürfe: „Wieso meldest du dich nicht?“ Früher hatte man halt Pech, wenn man jemandem telefonisch nicht erreichen konnte, es gab noch nicht mal Anrufbeantworter! Ein Rückruf konnte also dauern, Geduld war gefragt.

 

Heute wird die ständige Erreichbarkeit nahezu vorausgesetzt. Das verändert unsere Erwartungshaltung. Und das setzt uns wahnsinnig unter Druck. „Ich muss noch schnell XY antworten, sie/er ist sonst beleidigt!“ – Puh, das kann stressig werden. Viele Berufstätige sind auch in den Ferien für ihren Chef oder die Kolleg*innen per Smartphone erreichbar. Eine erholsamer Urlaub ist so kaum möglich.

Wir sollten uns einen bewussten und achtsamen Umgang mit dem Handy antrainieren, um uns selbst und andere nicht permanent zu überfordern.

 

Die Frage „Warum meldest du dich nicht?“, könnte aber auch Unsicherheit und Sorge ausdrücken: Bin ich dir nicht wichtig? Wenn sich jemand aus irgendeinem Grund in einer Beziehung nicht sicher fühlt, kann jedes Zeichen, das irgendwie auf Desinteresse hinweisen könnte, zur gefühlten Bedrohung werden. Dann wäre die dahinterstehende Frage: Wie finde ich (in mir selbst und vielleicht auch in der Beziehung) zu mehr Sicherheit?

 

Auch hier ist das Handy mal wieder nur der Katalysator, der bestimmte (unbearbeitete) Beziehungsthemen zum Vorschein bringt. Also ran an die tatsächlichen Probleme, statt den kleinen Wunderkasten dafür verantwortlich zu machen!

 

3. „Chattest du heimlich?“ - „Liebesaffären“ entwickeln sich oft über WhatsApp und Co.

Ein heikles Thema, das mir aber immer wieder begegnet. „Erst haben wir uns nur geschrieben“. Und dann wurde mehr daraus. „Seitensprünge“, „Liebesaffären“, „Nebenbeziehungen“ oder wie auch immer man es nennen will, wenn sich Menschen in festen Beziehungen auf jemand Drittes einlassen: Schon immer waren Menschen „untreu“. Das Smartphone erleichtert uns jedoch die Kontaktaufnahme und -pflege und ist damit einfach ein geeignetes Mittel zum Zweck.

 

Interessant wäre vielleicht, herauszufinden, was den Reiz einer aufkeimenden oder tatsächlichen „Affäre“ ausmacht, und ob das etwas mit der Situation der aktuellen Partnerschaft zu tun hat. Fühle ich mich nicht angemessen wahrgenommen, fehlt mir etwas? Oft merkt man den erlebten Mangel ja leider erst, wenn man in einer neuen Beziehung das gefunden hat, was man so lange (unbewusst oder bewusst) vermisst hat. Ein guter Grund, um immer wieder hinzuspüren, wie es mir aktuell in der Partnerschaft geht, und darüber mit meinem/meiner Partnerin offen zu sprechen.

 

4. „Ich hab ihn/sie erwischt!“ - „Liebesaffären“ fliegen immer öfter auf, weil jemand auf dem Smartphone des Partners/der Partnerin nach „verdächtigem Material“ sucht

Noch heikler. Denn nun stellt der eine Partner mithilfe einer „moralisch verwerflichen Tat“ („Herumschnüffeln, Nachspionieren“) die „moralisch verwerfliche Tat“ des/der anderen („Untreue“) fest. Beide begeben sich auf schwieriges Terrain, beide fühlen sich schlecht, beide sind in ihrer Integrität beschädigt.

 

Nun geht es zunächst um Schadensbegrenzung, wenn die Partnerschaft Bestand haben soll. Das Vertrauen ist erschüttert. Und lässt sich so leicht nicht wieder herstellen. Paare, die sich jedoch auf einen gemeinsamen Weg machen, können viel lernen und an dieser Krise sogar wachsen.

 

5. „Ich will alles sehen, was du schreibst!“ - Kontrolle als Lösungsversuch

Selbst nach einer beendeten "Affäre" stellt das Smartphone - symbolisch betrachtet - eine latente Bedrohung für den „betrogenen“ Partner dar. Wo Misstrauen ist, da herrscht die Angst.

 

Kann also die Offenlegung der Kommunikation desjenigen, der die Außenbeziehung hatte, das Vertrauen wieder herstellen? Wohl kaum. Es ist sicher ein Zeichen des guten Willens, aber mit Kontrolle lässt sich in Liebesbeziehungen kaum etwas erreichen. Es sind tiefere Prozesse, die gegenseitiges Vertrauen (wieder) ermöglichen. Dafür braucht das Paar Zeit, Raum, Geduld, aber auch gegenseitigen Respekt und Verständnis. Und manchmal auch eine Paartherapie.

 

Text: (c) Felicitas Römer 2021

Foto: iStock

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