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GASTBEITRAG: Warum viele (deutsche) Männer wie Ingenieure denken und was das mit Paartherapie zu tun hat

Felicitas Römer Psychotherapie Paartherapie Hamburg Bergedorf

Zum morgigen Internationalen Männertag habe ich meinen Kollegen, den Coach und Heilpraktiker für Psychotherapie Dirk Schulte

gefragt, was ihm in der paartherapeutischen Arbeit mit Männern häufig begegnet und wie er damit umgeht. Herausgekommen ist ein spannender Text über Veränderungswünsche, typische Glaubenssätze von Männern und die Bedeutung von echter Präsenz in der Partnerschaft.

 

Aber lesen Sie selbst:

 

 


 

Was mir in der Paarberatung häufig begegnet, ist der Gedanke, sich grundlegend verändern zu wollen. Manchmal aus eigenem Antrieb, oft auch weil die Partnerin/der Partner sich eine Veränderung wünscht oder diese sogar als Bedingung für die Fortsetzung der Beziehung formuliert („Entweder du änderst dich oder ich verlasse dich!“). Das heißt, gerade Männer kommen oft mit der Einstellung, beziehungsweise mit der Befürchtung zur Paarberatung, die Partnerin wolle sie gemeinsam mit dem Paartherapeuten in eine ihr genehme Richtung verändern.

 

Häufig sind es auch die Männer selbst, die das Gefühl haben, sie müssten ein anderer werden, um die Beziehung zu retten. Gleichzeitig löst dieser Gedanke bzw. dieser Glaubenssatz in der Regel großen emotionalen Stress aus. Denn erstens ist dieser Gedanke oft mit Unsicherheit behaftet, ob die Veränderung denn gelingen wird und ob man sich so verändern wird, dass es reicht.

Und auf der anderen Seite kommt natürlich meistens innerlich großer Widerstand auf. Denn der Gedanke: Ich muss mich verändern, impliziert ja, dass ich - so wie ich bin - nicht in Ordnung bin. Und dieses latente Gefühl tragen sehr viele Menschen ohnehin ihr ganzes Leben lang permanent mit sich herum und unternehmen unbewusst sehr viel, um dieses Gefühl eben nicht wahrzunehmen.

 

Aber gleichzeitig sehnen wir Menschen uns natürlich danach, uns nicht verstellen zu müssen, uns nicht anstrengen zu müssen und einfach als die geliebt zu werden, die wir sind, mit all unseren Macken und Unzulänglichkeiten. Und so besteht ein wichtiger Teil meiner Arbeit darin, zu vermitteln, dass es eben nicht das Ziel der Paarberatung ist, Menschen von außen zu verändern.

 

Darüber hinaus ist es aus meiner Sicht auch gar nicht möglich, sich durch Willenskraft oder Anstrengung wirklich nachhaltig so zu verändern, dass anschließend alles gut ist. Die Ansicht, man könne durch bestimmte Tools und Techniken planbar Veränderung herbeiführen und eine Lösung finden entspringt dem (stärker bei Männern verwurzelten) festen Glauben an das Prinzip von Ursache und Wirkung. Das gipfelt z.T. in der Überzeugung, dass man letztlich Menschen ein bisschen wie Autos behandeln könne: Man bringt sie in die Werkstatt, liest den Fehlerspeicher aus, spielt neue Software auf und dann läuft alles wieder.

 

Meine Arbeit rührt somit oftmals an den Grundüberzeugungen gerade von Männern, die sich nicht vorstellen können, dass es weniger um Anstrengungen geht, um Handlungen und Lösungen, sondern eher um Kommunikation, Verständnis, Offenheit. Und möglicherweise sogar um Gefühle.

 

Oft ist die Lösungs– und Handlungsorientierung so stark, dass bei allen weichen Themen wie Emotionen oder der eigenen Familiengeschichte und -prägung Unruhe und Ungeduld aufkommt. Aber nach meiner Erfahrung sind genau diese Themen die wichtigsten Schlüssel. Darum ist es so auch wichtig in Beziehungen neugierig zu sein, statt zu denken, man wüsste, wie die Partnerin/der Partner tickt. Denn Fakt ist: Wenn wir ganz realistisch sind, wissen wir absolut nichts über andere Menschen. Alles was wir haben, sind unsere eigenen Erfahrungen, familiären Prägungen und die daraus resultierenden Projektionen und Interpretationen.

 

Es ist interessant zu sehen, wie ungläubig viele Männer reagieren, wenn man ihnen erklärt, dass es vielleicht ausreichen würde, wenn sie einfach sie selbst sind. Ohne sich wahnsinnig anzustrengen oder zu versuchen, das Richtige zu tun.

 

Genau der gleiche Unglaube ergibt sich oftmals bei einer typischen Konfliktsituation, die ich bei Paaren häufig beobachtet: Die Frau beschreibt, dass sie über ihre Gefühle, Emotionen, Probleme spricht, und dass der Mann sich dafür offenbar überhaupt nicht interessiere. Er höre nicht mal richtig zu. Worauf die Männer oft mit Unverständnis und Unglauben reagieren und erklären, sie hätten doch sehr wohl zugehört und sogar hilfreiche Lösungsvorschläge gemacht, die die Frau aber alle abgelehnt hätte und für die sie nicht mal dankbar gewesen sei.

 

Was wir dann gemeinsam herausarbeiten ist, dass es in den allermeisten Fällen nicht um Lösung oder Hilfe geht, sondern dass es völlig ausreichen würde, wirklich präsent zu sein. Diese Möglichkeit können viele Männer absolut nicht fassen. Das ist eine Option, die in der Welt der Männer oft schlicht nicht existiert. Viele Männer bieten Lösungsvorschläge an, weil sie die Hilflosigkeit, die sie empfinden, wenn sie nichts tun können, nicht aushalten.

 

Für die Frauen hingegen ist es oft vollkommen überraschend, dass die Männer sehr wohl auf ihre Art zuhören, dass sie aber implizit denken, sie müssten eine Lösung bringen, was Sie dann so unter Stress setzt, dass sie die ganze Zeit mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt sind und der Eindruck entsteht, sie wären gar nicht wirklich da. Das stimmt oft auch, aber nicht aus Desinteresse, sondern aus Hilflosigkeit. Wenn dieses Missverständnis aufgeklärt ist und beide PartnerInnen zum Beispiel verabreden, offen darüber zu kommunizieren, ist das oft ein großer Schritt in Richtung einer vollkommen neuen Art von Kommunikation.

 

Vielen Menschen kommt es erstmal sehr fremd und neu vor, dass die reine Präsenz, das wirkliche Zuhören, nicht nur nicht selbstverständlich ist, sondern einen riesigen Unterschied macht. Und diese Art von Präsenz ist auch wirklich nicht leicht. Denn es fühlt sich viel unsicherer an, sich wirklich in dem Moment des Gesprächs auf ein Gegenüber einzulassen, statt sich dadurch vermeintlich abzusichern, dass man gleichzeitig im Kopf schon eine intelligente, hilfreiche, gute Lösung ausarbeitet. Das machen wir alle ganz oft im Alltag, aber bei Paaren führt dieses Verhalten besonders häufig zu Problemen und Missverständnissen.

 

Und gerade für Männer ist Paartherapie manchmal wie das Entdecken eines fremden Planeten, auf dem es angeblich möglich sein soll, dass es nicht ums Tun geht, nicht um Lösungen, nicht ums Handeln, sondern im Gegenteil nur ums wirkliche Da-Sein.

 

Das heißt im Hinblick auf Männer: Es ist aus meiner Sicht wirklich wichtig zu verstehen, dass diese Ingenieurskultur, in der wir uns gerade in Deutschland sehr stark bewegen, mit sich bringt, dass Männer sich oft erst erarbeiten- und dann auch selbst die Erfahrung machen müssen:

 

  • dass es in einer Beziehung oft reicht, man selbst zu sein... und dann im nächsten Schritt auch noch
  • wahrzunehmen, wie es ihnen emotional geht... und
  • das möglichst auch noch auszudrücken.

Denn viele Männer haben Glaubenssätze, dass ihr emotionales Leben nicht relevant ist, dass es niemanden interessiert und dass sie außerdem nicht in der Lage sind, ihre Gefühle adäquat und frauenkompatibel auszudrücken.

 

Letztlich geht es in der Arbeit mit Paaren für mich hier darum, einander die jeweilige Weltsicht zu erklären, Unterschiede zu wertschätzen und neugierig nachzufragen, statt Dinge persönlich zu nehmen. Und um echten Kontakt, der nur bei wirklicher Präsenz beider PartnerInnen möglich ist.

 

(C) Dirk Schulte 2021

Foto: istock

 

 

Mehr Infos über den Autor: www.dirkschulte.net

 

 


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