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Nur erschöpft oder doch schon depressiv? Kleiner Versuch über einen psychischen Zustand

Felicitas Römer Psychotherapie Paartherapie Hamburg Bergedorf

Depressionen sind in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Viele Promis haben sich mittlerweile diesbezüglich geoutet, Selbsterfahrungsbücher dazu verfasst und Stiftungen gegründet – ganz aktuell beispielsweise Nora Tschirner, Kurt Krömer und Sarah Connor. Es ist gut, dass Depressionen endlich aus der Tabuzone geholt werden, dass offener darüber geredet wird. Denn schließlich kann es jede/n treffen!

Depressionen gibt es in vielen Abstufungen, Ausprägungen und Variationen. Jede Depression ist ein einzigartiger, individueller Zustand. Es ist von daher etwas schwierig, pauschal über Depressionen zu sprechen. Ich versuche trotzdem, ein paar Fakten und Ideen zu diesem komplexen Thema kompakt zusammenzufassen.

 

Etwas Wichtiges vorab: Zurzeit leiden besonders viele Menschen phasenweise unter Abgeschlagenheit, Verstimmungen und Erschöpfungszuständen. Immerhin müssen wir vollkommen neue Herausforderungen meistern, Widersprüche ertragen, jede Menge Nachrichten filtern und verarbeiten, eine globale Bedrohung durch ein potenziell tödliches Virus aushalten. Gleichzeitig können wir aber durch die gegebenen Einschränkungen im sozialen Leben nicht immer angemessen auftanken, es fehlt der Ausgleich. Hier sind viel Kreativität und mentale Stärke gefragt. Das schaffen wir eine Weile lang, aber dann lassen die Energien auch irgendwann wieder nach. Die Akkus werden sehr beansprucht und laden mittlerweile vielleicht auch einfach langsamer auf, vielleicht werden auch schon die Reserven angezapft und wir kommen immer wieder mal ins energetische Minus. Hin und wieder frustriert, traurig und müde zu sein, ist angesichts der allgemeinen Gemengelage also normal und keineswegs krankhaft. Geduld, Selbstannahme und Selbstfürsorge sind hier die probaten Mittel der Wahl.

 

 

Was ist eine Depression?

 

Ich würde es mal vorsichtig so formulieren: Depressive Menschen befinden sich über einen längeren Zeitraum hinweg in einem seelischen Zustand, der sich sehr bedrückend, lähmend und oft auch hoffnungslos anfühlt. Und aus dem sie nicht mal einfach so rauskommen können. Ratschläge wie „Sieh doch mal alles etwas positiver!“ bringen da gar nichts. Im Gegenteil: Der depressive Mensch fühlt sich nur noch unzulänglicher, weil er/sie einfach nichts mehr Positives finden kann.

 

Als typische Symptome für Depressionen gelten:

  • gedrückte Stimmung, Niedergeschlagenheit
  • Antriebslosigkeit, alles kostet Überwindung
  • Verminderung der Aktivitäten, Rückzug aus dem sozialen Leben
  • Gefühle von Freudlosigkeit, Sinnlosigkeit und Leere
  • Verringertes Interesse an allem, wofür man/frau sich sonst interessiert hat
  • Konzentrationsprobleme
  • chronische (bleierne) Müdigkeit und Energielosigkeit
  • Schlafstörungen
  • Morgentief
  • Starkes Gefühl von Sinnlosigkeit („Es hat doch alles keinen Zweck.“)
  • Gedankenkreisen, „Grübelzwang“
  • Appetitverlust, ggf. Gewichtsverlust (aber auch Essanfälle und Gewichtszunahme sind möglich)
  • Sexuelles Desinteresse
  • Ggf. körperliche Beschwerden wie z. B. Magen-Darm-Problem, Kopf- oder Rückenschmerzen etc.
  • Ggf. Suizidgedanken oder sogar -pläne.

Aber auch extreme Nervosität und der Hang, ständig in Bewegung und Aktion sein zu müssen, kann ein Hinweis auf eine dahinterliegende Depression sein – das wird nur etwas seltener erkannt. Ängste gesellen sich auch gerne zu Depressionen hinzu.

 

 

Verschiedene Arten der Depression

 

Als Dysthymia wird eine Depression bezeichnet, die mit einem Lebens- und Grundgefühl der Niedergeschlagenheit einhergeht. Die Betroffenen sind dauerhaft gedrückter und pessimistischer Stimmung, oft über Jahre oder sogar Jahrzehnte hinweg. Sie können ihren Alltag durchaus meistern, der Leidensdruck ist mäßig, irgendwie haben sie sich an ihre Stimmung gewöhnt oder meinen, das sei eben ihr Charakter. Die Symptome sind in der Regel auch deutlich schwächer als bei einer klassischen depressiven Episode. Glücklich sieht trotzdem irgendwie anders aus.

 

Akute reaktive Depressionen sind die Folge eines krisenhaften oder traumatischen Ereignisses. Das kann der Verlust eines nahestehenden Menschen oder geliebten Tieres sein, eine Trennung oder Scheidung, ein schwerer akuter Loyalitätskonflikt oder auch eine tiefe Kränkung. Die Betroffenen können ihre depressive Reaktion einem (oder mehreren) konkreten Auslöser zuordnen, was es oft etwas leichter macht, den eigenen Zustand zu verstehen und zu akzeptieren. Auch erfahren reaktive Depressionen in der Gesellschaft die meiste Akzeptanz, was einen Heilungsverlauf begünstigt. Reaktive Depression werden auch als „Anpassungsstörungen“ bezeichnet. Sie kommen recht häufig vor und sind in der Regel gut behandelbar.

 

Das, was im Volksmund allgemein als „Depressionen“ bezeichnet wird und vermeintlich aus dem Nichts kommt, nennt sich in der Diagnostik „Depressive Episode“. Man unterteilt hier in leichte, mittelschwere und schwere depressive Episoden. Das Tröstliche daran: Eine Episode geht eben auch wieder vorbei! Was den Umgang mit einer depressiven Episode jedoch etwas schwieriger macht: Es findet sich oft kein unmittelbarer Auslöser wie bei der reaktiven Depression. Deshalb tun sich auch manche Menschen so schwer damit, sich einzugestehen, dass sie vielleicht psychotherapeutische Hilfe bräuchten: „Ich hab doch alles, eigentlich müsste es mir doch gut gehen.“ Dazu gesellen sich dann vielleicht noch Schuldgefühle („Stelle ich mich an? Ist das alles nur mimimi?“) und Scham („Ich müsste es besser hinbekommen, irgendwas stimmt doch nicht mit mir!“). Beides drückt natürlich zusätzlich auf die Stimmung.

 

Da kann ich nur raten: Ob nun ein Auslöser vorhanden ist oder nicht, es lohnt sich immer,

die Depression mal zu fragen, was sie uns eigentlich zu sagen hat!

 

Ergänzend soll noch kurz die bipolare Störung erwähnt werden. Sie zeichnet sich durch einen Wechsel von manischen und depressiven Zuständen aus. Sie beeinträchtigt das Leben der betroffenen Person schwer, bringt sie häufig in extreme und gefährliche Lebenslagen und muss in der Regel psychiatrisch und medikamentös behandelt werden. Eine schwere Depression schließlich legt sich wie ein bleierner Mantel um den Menschen und legt ihn komplett lahm. Sowohl die bipolare Störung als auch die schwere Depression kann zusätzlich von psychotischen Symptomen begleitet sein, also z.B. von Wahnvorstellungen oder Halluzinationen.

 

 

By the way: Als Heilpraktikerin für Psychotherapie darf ich nur leichte depressiven Episoden psychotherapeutisch begleiten. Menschen, die unter mittelschweren bis schweren Depressionen leiden, müssen von einer Psychiater*in oder sogar stationär behandelt werden.

 

 

Woher kommen denn die Depressionen nun?

 

Über die Ursachen von Depressionen gibt es zahlreiche Ideen und Thesen. Es scheint mir ziemlich unmöglich, diese hier umfassend darzustellen, daher nur ein paar Stichworte zu den wichtigsten Theorien: 

 

Lange wurden ausschließlich neurobiologische Ursachen für die Entstehung von Depressionen vermutet. Ein Serotoninmangel wurde als Verursacher ausgemacht. Serotonin ist ein wichtiger Botenstoff, der unter anderem Auswirkungen auf die Stimmungslage hat. Heute geht man jedoch davon aus, dass die Serotoninmangeltheorie zu kurz greift, weil im Gehirn ein viel komplexeres neurobiologisches Geschehen stattfindet, das wissenschaftlich noch nicht komplett erforscht ist. Insgesamt geht man jedoch immer noch von einer Nervenstoffwechselstörung im Gehirn aus, die aus einer dauerhaften Überaktivierung des Stresshormonsystems resultiert.

Einer neueren These zufolge soll bei depressiven Menschen die Fähigkeit des Gehirns eingeschränkt sein, neue neuronale Verbindungen aufzubauen („Plastizität“). Weiterhin scheint es noch weitgehend ungeklärt zu sein, ob, wie und warum Antidepressiva genau wirken, da gibt es unterschiedliche und widersprüchliche Untersuchungen. Manche renommierten Psychotherapeuten halten Sport und Bewegung übrigens für weitaus hilfreicher als Medikamente...

 

Psychodynamische Erklärungsansätze besagen, dass Depressionen die Folge von frühen Verlusterfahrungen (z.B. Tod oder Trennung von der Mutter) sind. In der Psychoanalyse geht man davon aus, dass depressive Personen oftmals in ihrer Kindheit nicht wütend sein durften; die Depression wird als nach innen gerichtete Aggression gedeutet. Auch eine fehlende oder mangelhafte Bindung an eine Bezugsperson in der Kindheit wird als Ursache für die Entstehung von Depression gesehen, ebenso die Erfahrungen von (emotionaler) Vernachlässigung oder Gewalt. Dass belastende Erlebnisse in der Kindheit die Entstehung einer Depression begünstigen können, steht mittlerweile außer Frage.

 

Das Modell der erlernten Hilflosigkeit geht davon aus, dass depressive Menschen in ihrem Leben gelernt haben, dass ihr Handeln keinen Einfluss hat. Sie leiden unter dem Gefühl, nicht selbstwirksam sein zu können – und wenn man/frau ja eh nichts ausrichten oder bewirken kann, hat natürlich logischerweise auch alles keinen Sinn! 

 

In der systemischen Therapie wiederum wird die Depression eines Familienmitgliedes als Lösungsversuch gesehen, um einer hochproblematischen Situation zu entkommen. Sie wird nicht als „Krankheit“ interpretiert, sondern als Ausdruck massiv unterdrückter Bedürfnisse und/oder als Teil bestimmter beziehungsdynamischer Prozesse. Gefragt wird im systemischen Kontext nicht nach dem „Warum“, sondern nach der Funktion, dem „Wozu“: Wozu ist die Depression da? Was ist ihre Aufgabe im System? Und was muss im System passieren, damit sie überflüssig wird?

 

Eine weitere (mir sehr sympathische) These vermutet, dass Depressionen die Folge einer sogenannten Gratifikationskrise sind. Dabei geht um die Idee, dass depressive Menschen ihrer eigenen (unbewussten) Einschätzung nach sehr viel investieren, aber keinen oder wenig Ertrag von diesem Investment haben. Sie machen ständig emotionale Minusgeschäfte. Die Depression sorgt dann dafür, dass sie keine weiteren Minusgeschäfte mehr machen ("Es lohnt sich ja eh nicht!"). Die Frage in einer Therapie wäre dann: Was soll denn eigentlich erreicht werden? Und welche Mittel sind dafür bis jetzt eingesetzt worden? Oft wird dann deutlich, dass depressive Menschen sich besser um sich selbst kümmern müssten, als sie das bis jetzt getan haben. Damit das Minuskonto langsam wieder aufgefüllt wird!

 

 

5 Tipps: Was Sie tun sollten, wenn Sie vermuten, unter Depressionen zu leiden:

  1. Gehen Sie zu Ihrem Hausarzt und lassen Sie sich gründlich untersuchen. Müdigkeit und Erschöpfungszustände können auch organische Ursachen haben, z. B. niedrigen Blutdruck, Eisenmangel, Vitamin D- oder Vitamin B-Mangel. Auch eine Unterfunktion der Schilddrüse kann depressionsähnliche Zustände hervorbringen.
  2. Wenn Sie unter schweren Schlafstörungen leiden, sollten diese zuerst behandelt werden, damit sich das Nervensystem wieder erholen und beruhigen kann. Sprechen Sie auch hierüber am besten mit einem Arzt/einer Ärztin oder einer Heilpraktikerin Ihres Vertrauens.
  3. Prüfen Sie, was Sie in Ihrem Leben übermäßig belastet, was Ihnen nicht guttut. An welcher Stelle kämpfen Sie vielleicht vergeblich um Anerkennung, Wertschätzung, Liebe oder Zuneigung? Und wie könnten Sie in Zukunft anders damit umgehen?
  4. Was hat Ihnen in einer ähnlichen Situation schon einmal geholfen? Welche Ihrer Fähigkeiten könnten Sie jetzt nutzen, um sich wohler zu fühlen? Machen Sie eine Liste! Und wer könnte Ihnen wie zur Seite stehen?
  5. Achten Sie genug auf sich selbst? Stellen Sie sich in den Mittelpunkt Ihres Lebens? Gehen Sie liebevoll und selbstfürsorglich mit sich um? Nein? Dann sollten Sie spätestens jetzt damit anfangen. Damit es Ihnen bald besser geht!

 

Gut zu wissen: Weder approbierte Psychotherapeut/innen noch Heilpraktiker/innen für Psychotherapie dürfen Medikamente/Psychopharmaka empfehlen oder verschreiben. Wenden Sie sich also im Bedarfsfall an Ihren Hausarzt oder

eine Fachärztin. In der Regel wird jedoch parallel zur medikamentösen Behandlung auch psychotherapeutische Begleitung empfohlen.

 

Last but not least: Wenn Sie jetzt trotzdem noch ratlos sind, ob Sie nun depressiv sind oder nicht: Suchen Sie einfach einen Psychotherapeuten bzw. eine Heilpraktikerin für Psychotherapie Ihrer Wahl für eine erste Probestunde auf. So finden Sie vermutlich am schnellsten heraus, welche Themen Sie umtreiben, was Ihnen Ihre Gefühle sagen wollen, und wie Sie aus Ihrem Stimmungstief wieder herauskommen.

 

 

Und zum Schluss noch ein kleiner Literaturtipp: 

Thomas Melle: "Die Welt im Rücken".

Der Autor verarbeitet in diesem literarischen Werk seine manisch-depressive Erkrankung. 

Berührend, bewegend und einfach toll geschrieben. Erschienen 2016 im Rowohlt Verlag.

 

Text: © Felicitas Römer 2021

Foto: istock

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