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„Mother-Blaming“ in der Psychologie: Über die Tradition mütterlicher Schuldgefühle

Mutti ist an allem schuld – an schlechten Schulnoten, an „Verhaltensauffälligkeiten“, an psychischen Erkrankungen ihrer Söhne und Töchter. Natürlich wissen wir mittlerweile, dass das in dieser vereinfachten Form nicht stimmt. Doch das „Mother-Blaming“, also die Beschuldigung der Mutter in der Psychologie, hat eine ausgeprägte Tradition, die auch heute noch Auswirkungen hat. 

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Dass Mütter unter Schuldgefühlen leiden, ist weder selten noch verwunderlich. Allzulange wurde ihnen suggeriert, dass ihr vermeintliches Fehlverhalten schuld an jedem kindlichen Problem sei. „Mother-Blaming“ nennt man dieses Phänomen, das im 20. Jahrhundert regelrecht in Mode kam: So fand die US-amerikanische Psychologin Paula J. Caplan bei einer Untersuchung von 125 Artikeln aus 9 verschiedenen psychologischen Zeitschriften in den Jahren 1970 bis 1082 heraus, dass Mütter hierin für 72 (!) verschiedene Probleme ihrer Kinder verantwortlich gemacht wurden: Vom Bettnässen bis zur Schizophrenie, von aggressivem Verhalten über Lernstörungen bis hin zur Transsexualität - stets wurde monokausal und pauschal der Mutter die Schuld dafür zugeschoben. Lange wurde in der Wissenschaft sogar die Theorie vertreten, kindlicher Autismus entstehe einzig und allein durch die emotionale Kälte der Mutter – eine These, die längst eindeutig widerlegt wurde.

 

Bindungstheorie und „Mutterentbehrung“

Bowlbys Bindungstheorie schärfte dann zusätzlich das allgemeine Bewusstsein dafür, welch große Verantwortung die Mutter besonders in den ersten drei Lebensjahren des Kindes trägt. Er hatte viele hospitalisierte Heimkinder untersucht und kam zu dem Ergebnis, dass die „Mutterentbehrung“ das Schlimmste war, was einem kleinen Kind widerfahren konnte.

 

Von einer entsprechenden „Vaterentbehrung“ spricht Bowlby übrigens nicht. Für ihn ist klar, dass es die Mutter ist, „die unter normalen Verhältnissen zweifellos bei Weitem die wichtigste Beziehung in diesem Lebensabschnitt ist. Es ist die Mutter, die das Kind füttert und pflegt, die es wärmt und tröstet. Vom Standpunkt des Kindes spielt der Vater nur die zweite Geige…“

 

Die Erkenntnis, dass die angemessene Bemutterung eines Säuglings maßgeblich zu seiner gesunden Entwicklung beiträgt, ist natürlich nicht von der Hand zu weisen. Wer würde schon behaupten, ein Baby brauche seine Mutter nicht? Die Konsequenzen, die sich aus Bowlbys Bindungstheorie ergeben, sind jedoch weitreichend. Denn ab jetzt ist die Frau nicht mehr nur eine "schlechte Mutter", wenn sie ihr Kind nicht ausreichend „bemuttern“ kann. Zusätzlich bekommt sie auch ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihr Baby in Fremdbetreuung gibt bzw. geben muss.

 

Bowlbys Erkenntnisse sind in der Zwischenzeit glücklicherweise relativiert worden: Mittlerweile wissen wir ja, dass sich ein adoptiertes Kind auch bei nicht-leiblichen Eltern gut entwickeln und dass ein Mann ein Baby liebevoll „bevatern“ kann. Trotzdem wird Bowlbys Bindungstheorie auch heute noch gerne als Argument gegen eine frühe Fremdbetreuung eingesetzt, was bei erwerbstätigen Müttern oft zu Schuldgefühlen führt. 

 

Das unheilvolle Unbewusste: Was Erziehung alles anrichten kann

Einen weiteren Meilenstein in Sachen „mütterliche Schuldgefühle“ legte Alice Miller, die mit ihren publikumsnah geschriebenen psychoanalytischen Schriften schmerzlich verdeutlichte, welch verheerende Wirkung Erziehung auf die kindliche Entwicklung haben kann. In ihrem 1979 erschienenen Buch Das Drama des begabten Kindes beschreibt sie eindrücklich, wie Eltern ihre Kinder systematisch zur Befriedigung eigener Bedürfnisse missbrauchen. Das Dramatische daran: Es geschieht meistens ohne Absicht! Eltern haben in den meisten Fällen gar kein Bewusstsein dafür, was sie überhaupt anrichten. Sie fügen ihren Kindern schwere psychische Schäden zu, und zwar aus einer Bedürftigkeit heraus, die sie selber gar nicht wahrnehmen, und weil sie in ihrer eigenen Kindheit nicht ausreichend Sicherheit und Geborgenheit kennen gelernt haben. „Eltern, die dieses Klima als Kinder nicht bekommen haben, sind bedürftig, d.h. sie suchen ihr ganzes Leben was ihnen die eigenen Eltern zur rechten Zeit nicht geben konnten: ein Wesen, das ganz auf sie eingeht, sie ganz versteht und ernst nimmt.“, so Miller.

 

Das sensible Kind aber - so Miller weiter - spürt jedoch die Bedürfnisse der Eltern, versucht diese zu erfüllen, stellt seine eigenen hintan, entfremdet sich zwangsläufig zunehmend von den eigenen Gefühlen und entwickelt ein „falsches Selbst“. Viele Leser*innen fühlten sich angesprochen und erkannten sich damals in dem „begabten Kind“ wieder, das von seinen Eltern nie wirklich wahrgenommen wurde.

 

Alice Millers Verdienst ist zweifellos, die seelische Verwundbarkeit eines Kindes ins allgemeine Bewusstsein gebracht und aufgezeigt zu haben, welche unbewussten Mechanismen in Eltern-Kind-Beziehungen manchmal zu Tragen kommen. Ihr Anliegen war wohl weniger, unfähige Eltern an den Pranger zu stellen, als vielmehr die Folgen der „schwarzen Pädagogik“ deutlich zu machen, die eine Missachtung der kindlichen Würde zum Prinzip erhoben hatte.

 

Doch dem Drama des begabten Kindes folgte dann auch bald das Drama der begabten Mutter: Die engagierte, halbwegs gebildete Mutter wusste nun, welch schwerwiegende Schäden sie in der Psyche ihres Kinde anrichten kann. Ab jetzt reicht es nicht mehr, eine aufmerksame Mutter zu sein, die es mit ihrem Kind gut meint. Denn ihr eigenes Unbewusstes spielt ja offensichtlich in ihrem Tun eine ungeahnte Rolle! Nun muss sie also ihr Erziehungsverhalten permanent beobachten, kontrollieren und reflektieren, damit ihr bloß kein Fehler unterläuft, der das Kind geradewegs in einen unglücklichen Dauerzustand versetzt oder es von sich selbst entfremdet. Die Verantwortung, die sie trägt, wächst ins Unermessliche, das Vertrauen in die eigene „natürliche“ erzieherische Kompetenz ist nachhaltig erschüttert. Auch wenn das nicht Alice Millers Absicht war: Ängste und Schuldgefühle ließen nach der Lektüre nicht lange auf sich warten.

 

Noch heute neigen viele Menschen dazu, jegliches kindliche "Fehlverhalten" pauschal der Mutter anzulasten. Auch deshalb quälen sich immer noch viele Mütter mit subkutanen Schuldgefühlen herum, wenn etwas in der Familie nicht rundläuft. Oft verstecken sich Schuldgefühle übrigens hinter besonders ausgeprägtem Perfektionismus und/oder diffuser Wut, sie werden gar nicht als Schuldgefühle wahrgenommen. Schuldgefühle sind auch gar keine richtigen Gefühle, sondern Befürchtungen, also das Ergebnis unserer Gedanken. Und last, but not least: Wer unter Schuldgefühlen leidet, muss noch lange kein Schuld haben.

 

Wollen Sie mehr über dieses Thema erfahren?

 

> Dann lesen Sie gerne mein Buch: „Ich bin keine Supermama - Schluss mit dem schlechten Gewissen“. Hierin beschreibe ich die Ursachen und Auswirkungen von mütterlichen Schuldgefühlen, und biete Hilfestellung an, diese zu überwinden. 

 

Text: (c) Felicitas Römer

 Foto: iStock


Frauen unter Druck: klasse im Beruf, klasse als Mutter. Doch als Markenzeichen tragen sie Schuldgefühle. Weil irgendwas immer auf der Strecke bleibt... Viele Tipps für den Umgang mit dem eigenen Perfektionsstreben. Und den Umgang mit den Supermamas, -nannys, -grannys, die uns im Alltag begegnen. 

 

Leser*innen- und Pressestimmen:

"Felicitas Römer hat ein notwendiges Buch geschrieben, das alle Mütter lesen sollten. Sie schreibt sympathisch mit einem Anflug von Ironie und es ist – bei diesem Themenfeld ungewöhnlich – einfach spannend zu lesen." (Sabine Magold, Leserin auf Amazon)

 

"Super Buch, endlich mal eines, das Mütter nicht verunsichert sondern stark macht. Eigentlich sollten Mütter erst mal dieses Buch lesen, bevor sie irgendetwas anderes lesen. Es bietet echte Hilfe, ohne den Zeigefinger zu erheben." (Leserin auf Amazon)

 

"Schluss mit dem ewigen Gehetze nach Perfektion zwischen Kind und Beruf. Schluss mit den Schuldgefühlen, ja zum Bauchgefühl bei der Erziehung und den Alltagsfragen. Hier schreibt eine, die weiß, wovon sie spricht." (Uta Reimann-Höhn, Pädagogin und Lerntherapeutin)

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